Was ist Taiji ? (T`ai Chi Ch`uan)

Vortrag 26.09.2002
Otto Kleps


Faszination, gemischt mit ein wenig Befremdung - diesen Eindruck ruft häufig
ein erster, manchmal beiläufiger Kontakt mit Taiji hervor.

Der fließende Rhythmus der Bewegungen, die Konzentration und zugleich
Ruhe und Sanftheit ausstrahlen, scheint ein Geheimnis zu bergen.

Vielleicht haben diese fremdartigen Bewegungen sogar ein merkwürdiges Gefühl der
Vertrautheit hervorgerufen, den spontanen Eindruck dass man sich darin " zu Hause"
fühlen könnte, sodass Interesse und Neugierde geweckt wurden und damit der Wunsch,
Taiji zu erlernen.

Vielleicht erwuchs dieser Wunsch auch aus der Unzufriedenheit mit diversen
Gymnastikprogrammen oder Sportarten, die man durchprobiert hat. Deren einseitige
Orientierung an körperlicher "Fitness" erscheint auf längere Sicht unter Umständen
unbefriedigend. Womöglich haben diese Sportarten und Techniken sogar zu Gelenkverschleiß
und anderen Schäden geführt (z.B. Tennisarm).

Taiji wirkt nicht nur positiv auf die Muskulatur, die Sehnen, das Bindegewebe
und die Gelenke, es hat auch einen ausgleichenden Einfluss auf die Organe
und ist eine wunderbare Übungsform, um Körper und Geist in Einklang zu bringen und
beides harmonisch zu entfalten.

Taiji ist eine chinesische Bewegungskunst, die auf einer jahrtausenden alten
Tradition beruht. Es unterscheidet sich wesentlich von Gymnastikprogrammen,
denn Taiji zu können, heißt nicht nur, den äußeren Bewegungsablauf zu
beherrschen.

Werden die Bewegungen achtsam und meditativ ausgeführt, aktivieren sie
eine innere Bewegung, ein Strömen von vitaler Energie, die die Chinesen
Qi nennen.

Auf Japanisch wird sie Ki genannt, in Indien heißt sie Prana oder Germanisch
Odem.


Es gibt etwa 20 Stile von Taiji, wie der Chen-, Yang-, Sun-, Wu-, und
Peking-Stil.
Der älteste Stil ist der Chen Stil, der aus der Ming-Dynastie (1368-1644)
stammt und überliefert wurde zur Familie Chen. (1597-1664)
Alle anderen Stile entwickelten sich daraus.

Für alle Stile gibt es neben der Soloform Partner- und Waffenformen
(für Schwert, Stock, Fächer, Säbel und Speer). Die Partnerform wird
bezeichnet als Tui Shou oder Push Hands.


Was ist eigentlich Taiji genau?

Taiji ist eine Lebensform, die über Tausende von Jahren in der Kulturgeschichte
Chinas wurzelt und in die Praxis umgesetzt wird.

Dabei gibt es drei verschiedene Ansätze, die sich im Lauf der Zeit entwickelt
haben, auf die ich eingehen möchte.

1.	Philosophisches Fundament
2.	Chinesische Gesundheitslehre
3.	Schule der geheimen Kampfkünste

Philosophisches Fundament

Übersetzt bedeutet Taiji zunächst einmal > großer Balken, der das Dach des
Hauses trägt< und stellt im übertragenen Sinne die Verbindung zwischen
Himmel und Erde dar. Der Himmel wird durch einen großen Mittelpfeiler
getragen, eben das Taiji, der bis tief in die Erde hinabreicht.

Genauso soll der Mensch stehen, fest verwurzelt in der Erde und aufgerichtet
zum Himmel, zwischen diesen beiden Polen.
In diesen Sinne bedeutet Taiji das erhabene Letzte oder das höchste Gesetz,
das auch mit dem Begriff des Tao oder Daoismus wiedergegeben werden kann.

Taoismus ist keine Religion im engeren Sinne, sondern kann, wie der zeitgleich in
China entstandene Konfuzianismus, eher als eine Art Lebensphilosophie aufgefasst
werden. Als Urheber werden Laotse, Konfuzius, und Buddha angesehen.

Das Prinzip der Polarität allen Seins in der Form einander bedingter Gegensätze,
die zugleich Entwicklung ermöglichen, wurde in ein logisches System gebracht.

Es entstand das Symbol von Yin und Yang.

Ursprünglich bezeichnete (Yin) die Schattenseite und (Yang) die Lichtseite
eines Erdhügels. Die Begriffe beziehen sich nicht auf einen Gegenstand selbst,
sondern auf die Erscheinungsform.
Erst die Gegensätze von Yin und Yang ermöglichen Entwicklung, so wie Tag
und Nacht einander ablösen. Yin und Yang, das Positive und Negative, bringen
eine Glühbirne zum Leuchten.


Chinesische Gesundheitslehre

 Bewegungsapparat

Durch regelmäßiges Üben von Taiji kommt es zur Erhaltung der Gesundheit,
der Heilung von Krankheiten, der körperlichen und geistigen Erholung.

Schon vor mehreren tausend Jahren entstand in China das System der Akupunktur.
Das Körperbild der chinesischen Medizin kennt Energiebahnen ( Meridiane),
die mit Chi (ji), dem Fluss der Lebensenergie in Verbindung gebracht werden.
Während der embryonalen Entwicklung sind alle Meridiane offen und von Chi
durchflossen.

Im Lauf eines Menschenlebens beginnt der Chi-Fluss sich zu verändern und
zu stagnieren. Dies basiert z.B. auf falscher Ernährung, Stress,
Bewegungsmangel, usw. Die Gelenke werden steifer, die Bewegungen härter, der Atem
flacher, die Durchblutung wird schlechter, man wird anfälliger gegenüber
Krankheiten - körperliches und geistiges Unwohlsein sind die Folgen.

Taiji trainiert Muskeln, Sehnen und Gelenke optimal.

Während beim Joggen nur vorwärts gelaufen wird und die Knie durch den
Aufprall des Körpergewichts bei jedem Schritt belastet werden, bewegen wir
uns beim Taiji auf einer Ebene auch rückwärts und seitlich, drehen uns und
stehen auf einen Bein.
So werden die Fuß-, Knie-, und Hüftgelenke sanft massiert und die gesamte
Fußmuskulatur wird gekräftigt. Durch die kreisförmigen Bewegungen der Arme
werden auch die Gelenke in den Schultern, Ellenbogen, Händen und Fingern
gelockert, so dass alle Bewegungen harmonischer und effektiver ausgeführt werden.

Besonders förderlich wirkt sich Taiji auf die Wirbelsäule aus. Sie wird leicht
gedehnt, indem wir uns vorstellen, dass zwei Kräfte an ihren Enden ansetzen
und sie nach oben (Himmel) bzw. nach unten (Erde) ziehen.
Bei Bandscheibenproblemen und Verkrümmungen der Wirbelsäule (Skoliose,
Lordose, Kyphose) macht sich ein angenehmer Entlastungseffekt bemerkbar,
gerade für Menschen, die im Sitzen arbeiten und oft von Kopf- und
Nackenschmerzen geplagt sind.

Atmung und Kreislauf

Die richtige Atmung spielt in allen chinesischen Gesundheitsübungen
eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit der Qi Energie.
Die meisten Menschen atmen zu flach, was durch schlechte Körperhaltung
noch verstärkt wird.
Je angespannter sie sind, desto mehr verlagert sich die Atmung in den
oberen Teil des Brustraums.
Beim Taiji wird die Bauchmuskulatur gelockert, sodass tief in den Bauch
hineingeatmet werden kann.
Die Atmung erfolgt durch auf und ab des Zwerchfells, was zu ständig wechselnden
Druckverhältnissen im Bauchraum führt. Dadurch werden die Bauchorgane sanft
massiert, die Verdauung gefördert, das Herz entlastet.

In der Vorstellung wird der Atem ins Dan Tian gelenkt, das sich im unteren
Bauchraum befindet und unser wichtigstes Energiezentrum im Körper darstellt.
Mit diesen Energiezentrum wird auch in den harten fernöstlichen
Kampfsportarten (Hara) oder im indischen Yoga (zweites Chakra) gearbeitet.

Mit vertiefender Atmung, was durch entspannte und aufrechte Körperhaltung
verbessert wird, ist die Lungenkapazität besser genutzt und es kommt mehr
Sauerstoff ins Blut, was zu einer stärkeren Belebung des Körpers führt.
Der Blutdruck wird reguliert und das Herz entlastet.

Nervensystem

Taiji bewegt nicht nur Muskeln und Gelenke und vertieft die Atmung,
sondern es wirkt auch außerordentlich beruhigend auf das gesamte
Nervensystem. Zugleich steigert es die körperliche und geistige Reaktionsfähigkeit.
Da bei Taiji ungewohnte und komplexe Bewegungsabläufe ausgeführt werden,
ist volle geistige Aufmerksamkeit notwendig.
Wir müssen die Bewegungen von Rumpf, Beinen, Armen und Augen koordinieren und
bei der häufigen Verlagerung des Körpergewichts stets das Gleichgewicht bewahren.

Dadurch werden vor allem die motorischen Zentren des Großhirns beansprucht,
während seine übrigen Teile sich erholen können.
So werden durch die Konzentration auf die Bewegung andere Stressfaktoren,
wie belastende Gedanken und seelische Probleme, ausgeschaltet und wir sind ganz
hellwach im Hier und Jetzt.

Das Gefühl der gesteigerten Wahrnehmung unseres Körpers verbindet sich mit einer
wohltuenden Ruhe. Es stellt sich eine gelassene und heitere Grundstimmung ein und
man kann immer mehr mit in den Alltag übernehmen, man ist einfach ausgeglichener
und weniger leicht reizbar.

Sonstige Wirkungen

Neben den bereits angesprochen günstigen Wirkungen auf den gesamten Organismus des
Menschen ist Taiji auch für die Verdauung, den Stoffwechsel, das Drüsensystem und
die Inneren Organe förderlich.

Die positive Beeinflussung des vegetativen Nervensystems hilft bei der
Funktionsregulierung von Magen, Darm, Leber und Nieren.

Auch wird der Stoffwechsel von Fett, Eiweiß, Kohlenhydraten gefördert.
Nach medizinischen Untersuchungen sinkt unter anderem der Cholesterinspiegel im Blut
und die Substanz der Knochen bleibt im Alter besser erhalten.

Schließlich soll Taiji auch die Funktionsweise der Drüsen fördern, die durch die
Abgabe von Hormonen vielerlei Prozesse im Körper beeinflussen, vor allem die sexuelle
Kraft, die Abwehr von Krankheiten und den Alterungsprozess.


Schule der geheimen Kampfkünste

Die Kampfkünste werden in China seit über 3.000 Jahren gepflegt. Es waren
taoistische und buddhistische Klöster, in denen Selbstverteidigung mit Meditation
verbunden wurde.
Besonders berühmt wurde das Kloster Shaolin, in dem verschiedene Formen
von Faustkampf und Waffenformen gelehrt werden.
In Gegensatz zu den Kampftechniken der "Äußeren Schule" entwickelte sich
die "Innere Schule".

Alle Bewegungen verlaufen kreisförmig und verlassen nicht den Umkreis einer
imaginären Kugel, deren Durchmesser von der Körpergröße bestimmt wird.
Dadurch ist ein Höchstmaß an Stabilität und Flexibilität gewährleistet und gegnerische
Angriffe können leicht ins Lehre gelenkt werden.

Hochtrainierte Übende des Yang-Stils können ihre Gegner ohne weiteres ohne
Kraftanstrengung viele Meter weit wegschleudern.

Meister des Taiji sind auf der höchsten Stufe der Lebenskunst und man betrachtet sie
als Symbol der Weisheit. Meister des Taiji sind spirituell ausgerichtet, gesund,
gütig und intelligent, fühlen sich verantwortlich, anderen zu helfen sich zu
entwickeln. Meister freuen sich an der Wahrheit, sind furchtlos gegen Unmoral
und kämpfen gegen Ungerechtigkeit, helfen Notleidenden und beschützen Schwache.
Mit der bewussten Berücksichtigung ebendieser Ziele ist der Kampfkunstaspekt
des Taiji entwickelt und mit Nachdruck vertreten worden.

Harmonie von Geist und Körper in Übereinstimmung mit der natürlichen
Ordnung der Dinge das steht im Zentrum des Taiji. Nur so eröffnet sich eine
Entwicklungstendenz, die von anderen Formen der Kampftecknik vollständig
abweicht. Es erbringt eindruckvolle Ergebnisse hinsichtlich der menschlichen
Fähigkeiten, die von der Kraft des Geistes herrühren.

So wurde Taijiquan die wirkungsvollste Kampfkunst, die man je kannte.


Schlusswort

Gesundheit und Lebensfreude sind von einem harmonischen Zusammenspiel
aller Bestandteile und Kräfte in Körper, Seele und Geist des Menschen abhängig.
Taiji wirkt als Ganzheit auf den Organismus des Menschen, es bringt die
körpereigene Energie besser zum Fließen und führt zu Ausgeglichenheit.
Wer regelmäßig Taiji praktiziert, soll nach chinesischer Auffassung

   
  • den Geistesfrieden eines Weisen haben,
  • die gesundheitliche Robustheit eines Holzfällers,
  • die Gelenkigkeit eines Babys bekommen. Literaturliste: Es gibt keine Geheimnisse Prof. Chen Man-ch`ing Tai Chi Thomas Methfessel Tai Chi Chuan Loni Liebermann und Andrea Bilger Tai Chi Chuan Toyo und Petra Kobayashi Die Essenz des Tai Chi Waysun Liao